Noch war es Nacht – Review und Interview mit Autorin Antonella Lattanzi

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Die Italienerin Carla lernte ihren Mann Vito früh kennen, heiratete ihn als junge Frau und bekam drei Kinder mit ihm. Ihr Leben hätte schön sein können, doch es kam anders. Vito wurde mit den Jahren immer besitzergreifender, seine Eifersucht trieb ihn zu schlimmen Taten. Er schlug Carla, erniedrigte sie und sperrte sie ein. Irgendwann wurde es Carla zu viel, sie reichte die Scheidung ein. Doch so ganz kommt sie nicht von ihrem Mann los. Obwohl sie sich bereits mit einem neuen Mann trifft, hat er immer noch einen Platz in ihrem Leben. Das zeigt sich auch, als sie Vito zur Geburtstagsfeier seiner jüngsten Tochter einlädt und die Familie einen überraschend harmonischen Abend erlebt. Doch am nächsten Tag ist Vito verschwunden. Seine Familie und seine Geliebte suchen ihn vergeblich. Es dauert eine ganze Weile, bis die Polizei ihn findet, ermordet und von Möwen halb verspeist. Was ist passiert? Wer hat Vito das angetan?

Antonella Lattanzi Roman zeichnet mit viel Feingefühl eine Geschichte über Leidenschaft und Familie. Ihre Charaktere wirken sehr dreidimensional, mit all ihren Ecken und Kanten. Bei der Lektüre stellt sich dabei immer wieder die Frage nach Schuld. Wer ist das Opfer, wer der Täter? Warum kam Carla nicht von ihrem brutalen Mann los? Warum hing Vito noch derart an Carla, wenn er doch eine Geliebte hatte? Und wer hat den schrecklichen Mord verübt? Lattanzi baut die Spannung stetig auf, die Geschichte wird mit jedem Kapitel undurchdringlicher. “Noch war es Nacht” bietet ein intensives Lesererlebnis für Fans von Geschichten, in denen nichts einfach nur schwarz und weiss ist.

Ich hatte die Chance Frau Lattanzi ein paar Fragen zu stellen.

Frau Lattanzi, woher kam die Inspiration zur Story von Carla und Vito? Gab es reale Ereignisse oder Personen, die Sie inspiriert haben?

Wenn ich schreibe, lasse ich mich normalerweise nicht von meiner persönlichen Biographie inspirieren. Stattdessen mag ich es sehr Menschen und Ereignisse zu recherchieren, die ich nicht direkt kenne, Facetten der Realität, die mich interessieren und unerforscht sind. Zum Beispiel habe ich für meinen Roman „Devozione“ fünf Jahre lang das heutige Heroin-Milieu erforscht. Genauso bin ich auch – zusammen mit anderen Drehbuchautoren, bei Claudio Giovannesis Film „Fiore“ vorgegangen. In diesem Fall verbrachten wir Monate in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter, um den Kontext besser zu verstehen. Das gleiche habe ich für „Noch war es nacht“ getan. Ich habe Fälle von misshandelten Frauen untersucht, mit den Opfern gesprochen, und mich mit den rechtlichen Aspekten auseinandergesetzt um dem Thema näher zu kommen. Solche Fälle zu studieren ist immer nützlich und interessant, denn so kommt man einem Kontext näher der einem selbst unbekannt ist, sieht die Realität, wie sie ist, ohne den Filter durch die Medien, die vieles vereinfachen oder zu oberflächlich darstellen. Gleichzeitig mag ich es aber auch meine Fantasie zu gebrauchen. Nachdem ich das Thema, über das ich schreiben will, in der Tiefe recherchiert habe, entwickle ich Figuren und eine Story in dem Glauben, die Realität kann durch Fiktion abgebildet werden.    

In Ihrem Roman geht es um seine Frau, deren Mann ihr gegenüber gewalttäig wird. Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung waren in letzter Zeit im Fokus der Medien, Initiativen wie die “Me too”-Bewegung haben zu einem globalen Aufschrei geführt. Denken Sie diese Art von Themen werden ausreichend in den Nachrichten thematisiert?

Ich denke heute gibt es mehr Aufmerksamkeit für Femizid (Anm. d. Red.: Mord an Frauen) und generell für Frauen als es in der Vergangenheit der Fall war. Trotzdem denke ich, dass ein Wandel in der Aufklärung und dem Verhalten von Männern – und ich beziehe mich hier nicht nur auf die deutlich sichtbaren Formen von Gewalt, sondern auch auf die kleinen täglichen Ungerechtigkeiten – einer weiterführenden, kontinuierlichen und tiefgehenden Auseinandersetzung damit bedarf. Es ist wichtig das Frauen jegliche Art von Gewalt anprangern. Zwitgleich müssen Männer verstehen, dass die Probleme der Frauen auch sie betreffen, die Sorgen von Frauen sind die Sorgen der Menschheit. Natürlich trifft dies auch auf den umgekehrten Fall zu.  

Sie arbeiten auch als Drehbuchautorin. Was sind die größten Unterschiede zwischen dem Schreiben eines Drehbuchs und eines Romans?

Wenn man einen Roman schreibt ist man allein. Man ist bei der Recherche allein, und allein bei den Erfolgen und Fehlschlägen. Man ist sozusagen der Regisseur, Drehbuchautor, Art director, Sound Techniker, Makeup Artist, Haarsytlist, Szenograph,… Auf der einen Seite kann das sehr nett sein, da man alle Freiheiten hat. Andereseits ist es aber auch anstrengend, weil man sich nur auf sich selbst verlassen kann. Und natürlich auf den Lektor, der für mich von großem Wert ist, aber erst in einer zweiten Phase in Erscheinung tritt. Wenn man ein Drehbuch für einen Film schreibt arbeitet man für einen Regisseur, und man muss sich möglicherweise mit Geschichten auseinandersetzen, die nicht dem eigenen ‚Instinkt‘ entsprechen. Das kann nett sein, weil es eine Herausforderung darstellt, aber es kann auch negative Aspekte beinhalten. Außerdem gehört ein Film in erster Linie dem Regisseur, ist aber das Resultat der Arbeit vieler Menschen. Das kann toll sein, weil man Höhen und Tiefen miteinander teilt, es kann aber auch zu Problemen führen. Beim Schreiben mag ich ganz besonders visuelles Schreiben, auch für Romane. In Dialogen schreibe ich ungern „Carla war traurig“, sondern lasse Carla lieber etwas tun, was den Leser befähigt, den leeren Raum, den der Autor gelassen hat, eigenständig zu füllen. So dass, wie im wahren Leben, der Leser entscheiden muss, was der Charakter wohl denkt, basierend auf seinen oder ihren Taten. Ich denke man kann Gefühle nicht einfach aussprechen oder niederschreiben, man muss sie zeigen. 

Gibt es in Bezug auf Ihr Schreiben irgendwelche Rituale (z.B. ein fester Zeitplan oder ein besonderer Platz, an dem Sie schreiben)?

Ich habe eigentlich keine Rituale. Allerdings mag ich es direkt morgens nach dem Aufstehen zu lesen, während ich meinen ersten Schluck Kaffee trinke. Direkt danach fange ich dann mit dem Schreiben an, damit ich all meine Energie hinein stecken kann. In Zeiten, in denen ich schreibe, lese ich generell viel mehr. Ich versuche nicht in lauten Umgebungen zu schreiben, da es schwer für mich ist, mich dann zu fokussiere und in eine andere Welt einzutauchen. Wenn ich schreibe rauche ich leider zu viel, so als wolle ich mich für jeden kleinen Erfolg während des Prozesses belohnen. 

Welche drei Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

George Simenons “The Blue Room”, Malcom Lowrys “Under the Volcano”, und Gustave Flauberts “Madame Bovary”. Ich liebe sie als wären sie Teil meiner Familie. 

Was können wir als nächstes von Ihnen erfahren? Sind neue Projekte geplant?

Ich schreibe mit zwei anderen Drehbuchautoren die TV Serie zu meinem Roman „Noch war es Nacht“ und recherchiere für mein nächstes Buch. 

Ich bedanke mich bei Frau Lattanzi für das Interview und beim Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

2 thoughts on “Noch war es Nacht – Review und Interview mit Autorin Antonella Lattanzi

  1. Liebe Silke,
    das ist ein tolles Interview mit interessanten Fragen. Das Buch klingt auch sehr spannend. Ich finde das Thema total wichtig und literarische Annäherungen an schwierige Themen mag ich sehr gerne.
    Liebe Grüße
    Lisa

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