Gelesen: Bekenntnisse einer Maske von Yukio Mishima

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Vor ein paar Monaten habe ich auf dem YouTube Kanal “Better Than Food” zum ersten Mal etwas über den japanischen Schriftsteller Yukio Mishima gehört. Irgendwie schon schade, dass ich seinen Namen vorher nicht kannte, gilt er doch als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Zudem ist der Autor an sich eine äußerst interessante Figur:  er war Nationalist und politischer Aktivist, starb indem er rituellen Selbstmord begang und hatte zuvor arrangiert, dass seine Leiche anschließend enthauptet wurde. Außerdem gab es immer wieder Gerüchte, er sei homosexuell, obwohl er mit einer Frau verheiratet war und zwei Kinder hatte. Zu dieser Annahme kamen viele unter anderem deswegen, weil Homosexualität in seinen Werken mehrfach thematisiert wurde. Eines dieser Werke ist das Buch “Bekenntnisse einer Maske”, welches vor Kurzem im Kein & Aber Verlag erschienen. ist.

In “Bekenntnisse einer Maske” lässt uns der Erzähler Kochan an seiner Jugend und früher Erwachsenenzeit während des Krieges teilhaben und berichtet von seinem Leben mit einer Lüge. Bereits früh entwickelt er grausige Fantasien. Er fühlt sich zu seinen männlichen Mitschülern hingezogen und malt sich gerne aus, wie diesen schlimmes widerfährt. Kochan aber weiß, dass diese Neigungen nicht von der Gesellschaft akzeptiert würden, und beginnt so nicht nur seiner Umgebung sondern immer wieder auch sich selbst etwas vorzumachen. Während ihn als Junge Bilder des heiligen Sebastian, durchbohrt von Pfeilen, erregen,  tut er vor seinen Klassenkameraden so, als wäre er genauso an Mädchen interessiert wie sie. Später redet er sich ein, in die Schwester eines Freundes verliebt zu sein.

“Mein Schauspiel war Teil meines Systems geworden und somit schon gar kein ‘Spiel’ mehr.” (S. 131)

Kochan setzt für die Welt eine Maske auf und zuweilen glaubt er selbst, diese Person, die er vorgibt zu sein, könne seinem wahren Ich entsprechen. Doch er kann sich nie lange dieser Illusion hingeben.

Mishimas Roman lebt von der Selbstreflexion des Protagonisten. Es passiert nur wenig, es gibt nicht viel Handlung. Was das Buch ausmacht ist das Innenleben Kochans. Mishimas Stil ist sehr eindringlich und komplex, seine Sätze zuweilen lang und gespickt mit Vergleichen oder Metaphern.

In Japan gibt es ein Sprichwort, dass man in etwa übersetzen kann mit: Auf einen Nagel, der hervorsteht, wird gehauen. Japan gilt immer noch als ein Land, in dem es ein starkes kollektivistisches Bewusstsein gibt und dies war zur Zeit des Krieges sicher noch stärker ausgeprägt. Kein Wunder also, dass der Erzähler keine andere Möglichkeit sieht, als seine andersartigen Begierden als anormal zu betrachten.

“Jeder weiß, dass das Leben eine Bühne ist. Doch nicht viele Menschen sind wahrscheinlich so wie ich schon am Ende ihrer Jugend zu dieser Erkenntnis gelangt.” (S. 90)

“Bekenntnisse einer Maske” ist ein starkes Werk, ein schonungsloser Blick in den Kopf eines jungen Mannes, dessen Wünsche und Fantasien nicht zu dem passen, was die Gesellschaft als akzeptabel ansieht und der sich deshalb stetig verstellen muss. Leider kam das Ende der Geschichte für mich ein wenig zu abrupt daher. Dennoch ist Mishima Roman, von dem gemunkelt wird er habe autobiografisches Züge, absolut lesenswert. Eine Perspektive wie die des Erzählers kriegt man nur selten geboten und so würde ich sagen, dass das Buch durchaus Potential hat, den Horizont des Lesers zu erweitern.

Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

2 thoughts on “Gelesen: Bekenntnisse einer Maske von Yukio Mishima

  1. Liebe Silke,

    Wow, was für eine Besprechung! Das macht sofort Lust auf mehr – so sehr, dass ich bei der Wahl meines nächsten Buches direkt zu Mishima gegriffen habe, der hier nun schon eine Weile auf seinen Einsatz wartet. Ich bin gespannt, ob es mich auch so abholt!

    Liebe Grüße
    Tina

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