Gelesen: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau

Clarice Lispector lebte in Brasilien. Sie arbeitete als Lehrerin und als Journalisten. Sie schrieb außerdem Romane und Kurzgeschichten. Ich erfuhr erstmals von ihr und ihren Werken auf dem YouTube Kanal Better than Food. Schnell war meine Neugier geweckt. Als ich erfuhr, dass der Penguin Verlag sammlungen mit ihren Kurzgeschichten herausbringen wird, hat mich das sehr gefreut.

Mit Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau hat man einen guten Einstieg in Clarice Lispectors Werke. Sie schreibt leichtfüßig, metaphorisch, künstlerisch. Ihre Kurzgeschichten behandeln Sehnsüchte und Melancholie, Ängste und Wünsche. Sie fühlen sich leicht und schwer zugleich an, auf eine eigentümliche und originelle Art.

‘Ist das hier ein Moment’ fragt er richtig laut. Nein, jetzt ist es keiner mehr. Und was ist mit dem hier? Auch schon vorbei. Man hat nur den Moment, der als nächstes kommt. Die Gegenwart ist schon Vergangenheit. Legt die Leichen der Toten Momente aufs Bett. Bedeck sie mit einem blütenweißen Laken, steck sie in einen Kindersarg. Sie sind noch jung gestorben, frei von Sünde. Ich will Momente, die erwachsen sind!” (Seite 58)


Allen Lobes zum Trotz muss ich auch etwas kritisieren. Der Klappentext des Kurzgeschichtenbandes enthält die Formulierung: “Clarice Lispector ist eine Ikone weiblichen Schreibens”. Da frage ich mich schon was weibliches Schreiben ist und ob es im Umkehrschluss auch Ikonen männlichen Schreibens gibt. Oder ist männliches Schreiben einfach Schreiben?Der Stellenwert von Literatur von Frauen sollte nicht herabgewürdigt werden, indem man weibliches Schreiben wie ein Subgenre des allgemeinen Schreibens behandelt. Aber soviel dazu…

Alles in allem ein sehr gelundener Band mit faszinierenden Geschichten. Keine leichte Kost, aber dafür ein Erlebnis.

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